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ND zu Täves 80. Geburtstag

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ND zu Täves 80. Geburtstag

23.02.2011

»Meine Pflicht ist: Bleiben, da sein, die Leute erinnern«

DDR-Radsport-Idol Täve Schur wird heute 80 Jahre alt

Ein kalt-klarer Donnerstagnachmittag, Täve Schur kommt an die Tür seines unscheinbaren Hauses in Heyrothsberge. Wie die Fahrt aus Berlin gewesen sei, will er wissen, dann bittet er in die Stube, wo seine Frau den Tisch mit Kaffee und Kuchen gedeckt hat: Er zeigt auf einen alten Ölradiator: »Wir haben hier heute extra geheizt, sonst benutzen wir das Zimmer gar nicht.« Er staunt über das kleine Diktiergerät des Reporters, und schon startet sein Redefluss: Über die neuen Technologien, über Computer und Handy und wie wenig er damit anzufangen weiß. »Was ich mit 80 Jahren weiß und kann, reicht aus, so dass ich meine Zeit eher meiner Gesundheit widmen kann. Im Moment fahre ich nur einmal Rad pro Woche. 50, 60 Kilometer. Das reicht nicht, das ist unvernünftig.«

ND: Täve, Sie werden 80 Jahre alt. Wie feiern Sie das?
Täve: Die Feier am Sonnabend richtet die LINKE aus, deswegen weiß ich eigentlich nichts. Wir haben uns nur über das Catering unterhalten, sonst brauche ich mich nicht drum kümmern. Ich soll kurz vor 13 Uhr da sein, dann geht das da los, bis 18 Uhr. Ich muss mir vorher nur überlegen, was ich in den entsprechenden Momenten zu sagen habe. Ich ahne aber, dass es noch länger gehen soll. Aber 20 Uhr ist Schluss, da kannst du dich drauf verlassen, da streiche ich die Segel. Ich lasse mir so was nicht vorschreiben, selbst an meinem Geburtstag nicht.

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Siehe auch: Fotogalerie
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Und was tun Sie am Geburtstag selbst, am Mittwoch?
Da darf ich jedenfalls nicht zuhause sein. Denn soviel Telefongeläut ist nicht auszuhalten! Zu meinem 75. Geburtstag habe ich 100 Anrufe gehabt, sowas kann ich mir nicht mehr zumuten. Ich werde sicherlich auf meinem Anrufbeantworter was dazu sagen. Da werden wohl einige stinkig sein, aber was soll's? Mir sollte man lieber schreiben zum Geburtstag!

Was bedeutet es für Sie, 80 zu werden?
80 zu werden heißt, wie soll ich sagen ... (überlegt lange) Es heißt, verstanden zu haben, was wir in unserer alten Gesellschaft wollten: allseitig ausgebildete Sportlerpersönlichkeiten. Es heißt wissen, zu wessen Lasten und für wen man Sport treibt. Und welche Verpflichtungen sich daraus für einen persönlich ergeben – gesund leben, Vorbild sein, sich ständig so bewegen, dass man auch ein hohes Lebensalter erreichen kann.

Wie sieht denn heute eine normale Täve-Woche so aus?
Gut gefüllt. Ich bin hier Vorsitzender der Partei-Basisorganisation, da bin ich zurückgegangen mit meinem Einsatz. Außerdem halte ich regelmäßig Vorträge, bin Ehrenpräsident des Landessportbundes und nehme jeden Monat an der Präsidiumstagung in Halle teil. Und wann immer drüben im Friedensfahrtmuseum in Kleinmühlingen was los ist, wenn eine Busladung kommt oder sowas, fahre ich da hin. Ich bin in jedem Jahr zum Wandertag der Volkssolidarität dabei. Da marschiere ich mal fünf Kilometer mit an der Spitze, mal zehn Kilometer an der Spitze – je nachdem, wie das Wetter und die Zeit sind. Das ist immer ein Riesenerfolgserlebnis, die Massen freuen sich dran. Mensch, das war unsere Zeit, das drischt! Aber man bringt sowas den Jungen erst gar nicht nahe, in die Presse kommt sowas erst recht nicht. Bei uns Alten, da nimmt man es gerade noch hin. Gerade deswegen ist meine Verpflichtung: Bleiben, da sein, die Leute erinnern! In Magdeburg wurde eine Platte auf dem Boden eingelassen: »Täve Schur, Olympia-Silber« steht da drauf. Aber die Friedensfahrt, die hat man weggelassen! Ja, so ist die Zeit heute!

Stehen wenigstens die Weltmeistertitel auf der Platte?
Ja. Nee. Warte mal! (steht auf, holt ein Foto) Nur Olympiasilber – hier, guck mal – weder Weltmeister drauf noch Friedensfahrt.

Erstaunlich. Wer an »Täve« denkt, denkt doch immer auch an die Friedensfahrt!
Na klar.

Welcher Erfolg zählt heute am meisten für Sie? Zwei Friedensfahrtsiege, zwei WM-Titel, Olympiasilber?
Ja, die Erfolge sind alle wichtig, Friedensfahrt, Olympia, alles wichtige Erfolge, ja. Aber was mich immer stolz gemacht hat und immer noch stolz sein lässt, das waren die Bewegungen, die diese Erfolge unter unseren Menschen hervorriefen. Die Leute sahen mit einem Mal: »Donnerwetter, wir können was! Wir haben den Sportlern nicht nur Puderzucker in den Arsch gepustet!« So hat es mir mal einer bei einem Vortrag gesagt. »Menschenskind, das ist richtig, was die Jungs machen! Guck mal, was die für Leistungen erzielen!« Dabei habe ich alle für größenwahnsinnig gehalten, die mir vor der WM ins Ohr flüsterten: Schur, Du kannst Weltmeister werden! Ich war immer ehrgeizig, aber das war mir zu viel. Im im Rennen hatte ich es jedoch im Hinterkopf. Wer weiß, ob's nicht geholfen hat.

Zur Legende des DDR-Sports sind Sie durch die WM auf dem Sachsenring 1960 geworden. Noch heute erinnern sich viele, wie Sie Bernhard Eckstein zum Titel verhalfen!
Mit der Friedensfahrt und den blauen Trikots für die beste Mannschaft hatten wir ja immer die Absicht verbunden, die Stärke des Kollektivs zu zeigen: Zusammenarbeit, Sozialismus – wir freuen uns gegenseitig über unsere Leistungen, über das, was wir gemeinsam aufbauen! Und da war das Rennen am Sachsenring der i-Punkt drauf. Aber ich muss ehrlich sagen: Ich hätte es natürlich gerne gesehen, wenn ich da aus der Spitzengruppe noch alleine weggekommen wäre. Aber ich wusste genau, ich hatte keine Chance. Und deswegen war ich auch nicht ganz einverstanden, wenn da so gelobhudelt wurde. Andererseits: Wenn viele das so sahen, dann habe ich denen zugestimmt, denn was konnte es Besseres geben als den Gedanken: Mensch guck mal, was wir leisten können, wenn wir gemeinsam in einen Topf arbeiten!

Sie hätten es gar nicht mehr geschafft, selbst anzugreifen?
Wenn der Willy Vandenberghen sich noch mal auf die Socken gemacht hätte und wäre da rangefahren an den Eckstein, dann wäre ich in seinem Sog mitmarschiert. Und dann hätte ich mich auch erholt in der Zwischenzeit – im Windzug wäre ich schön mitgefahren. Und sofort, wenn er drangewesen wäre, hätte ich angelatscht, dann hätte der Belgier wieder antreten müssen. Und wenn er wiedergekommen wäre, hätte Eckstein noch mal und ich dann wieder ... Auseinandergenommen hätten wir ihn. Möglicherweise wäre ich dabei weggekommen und hätte gewonnen. Der Vandenberghen hat falsch gedacht: Erstens: Das ist ein kleiner Mann, der da wegfährt, der Eckstein. Zweitens, der Schur, der fährt hin, der will ein drittes Mal Weltmeister werden. Drittens kam bei ihm schnell die tiefe Enttäuschung dazu, einen Fehler gemacht zu haben, als er kapierte, dass ich nicht angreife. Im Ziel ist er – viertens – auch noch einer optischen Täuschung unterlegen: Die Straße ist da ja 15 oder 20 Meter breit, ein Riesenband. Da hat er die Entfernung ins Ziel unterschätzt und wollte mit dem kleinen Gang hin. Kleiner Gang, da musst du ganz schnell treten können! Und das kannst du nicht mehr, wenn du 176 kalte Kilometer gefahren bist! Ich habe noch mal geschaltet. Wir hatten damals eine Reibungsschaltung, das war ein Wagnis. Da musstest du fühlen, knack, ob der Gang drin ist. Da habe ich Schwein gehabt und habe ihn noch geschlagen. Und das hatte solche Auswirkungen! Das war ein schönes Ding.

Sie waren neunmal DDR-Sportler des Jahres, wurden zum populärsten DDR-Sportler aller Zeiten gewählt. War die Berühmtheit auch eine Last?
Das war es manchmal. Mit mir wollte in Leipzig keiner von unseren Jungs einkaufen gehen. Nach der Friedensfahrt, ach Mensch, das war fürchterlich, du kamst nirgendwo durch, eine solche Begeisterung! Mensch, ich habe Kumpels getroffen, die hatten solche Pfoten. Bauarbeiter, die haben mir die Hand gedrückt, ich hatte hier unten an meiner Hand eine Entzündung vom Händeschütteln. Deswegen sind wir irgendwann sehr gerne zur Schwedenrundfahrt gefahren, die immer gleich nach der Friedensfahrt stattfand. Dann war die Begeisterung bei der Rückkehr schon ein bisschen abgeklungen.

Jedes Jahr Tausende Kilometer bei Wind und Wetter – wie viel hat Radsport mit Entbehrung zu tun?
Wenn man schnell fährt, ist Radsport eine teuflisch anstrengende, langandauernde Sportart. Als meine Karriere zu Ende ging, hatte ich manchmal auch die Schnauze voll beim Frühjahrstraining. Wir mussten 13 000 Kilometer in den Socken haben bis zur Friedensfahrt, das war kein Spaß.

Wer von Täve spricht, redet meist von den Erfolgen. Gab es auch Niederlagen im Leben des Gustav Adolf Schur?
Ja, die gab es auch.

Fällt Ihnen eine ein?
Diese sogenannte Wende. Das war meine persönliche Niederlage. Weil ich genau wusste, dass damit so viel Enttäuschung zusammenhängt, Mann! Für Millionen, die das alles aufgebaut haben, die alte Generation. Wenn ich an meinen Alten denke, was der geschuftet hat, auch geklagt hat, dass wir immer alles den Russen geben. Ja, Mensch, wir haben die Reparationen bezahlt! Und das hieß, dass wir die besten Sachen rübergeschafft haben und dass wir entsprechend des Potsdamer Abkommens gehandelt haben, an das die anderen sich gar nicht hielten. Der Kapitalismus verspricht zwar viel, aber er hält nichts.

Für sehr viele Leute bedeutete die Wende doch auch Glück. Verstehen Sie die gar nicht?
Nein, das habe ich nicht verstehen können, das waren für mich Westfernseher. Das waren Menschen, die politisch nicht das erlebt haben, was ich erlebt habe als junger Mann. Wie zum Beispiel diese unterschiedliche Währung dazu geführt hat, dass wir faktisch ausgehöhlt wurden bis zum Gehtnichtmehr. Verständnis habe ich für die Freude bei Familien, die getrennt wurden und trotzdem die Verbindung gepflegt haben, über sieben Ecken.

Sie haben eine Menge Leute getroffen in all den Jahren. Wer hat Sie denn besonders beeindruckt?
Wirkliche Größen. Menschen, die gegen den Faschismus gekämpft und dabei so gelitten haben. Honecker! Der hat in Brandenburg im Knast gesessen. Mensch, die haben Kopf und Kragen riskiert. Ja, Honecker. Oder der Zehnkämpfer Alfred Neumann. Oder Wilhelm Pieck! Donnerwetter, vor dem habe ich den Hut gezogen. Als junger Piepel habe ich ihn kennengelernt. Wir hatten einen Empfang bei Pieck, 1956. Und das ging da auch vornehm zu, wie sich das gehört bei einem Staatspräsidenten. Da saß ich neben ihm – ja, der dicke Pieck, ich neben dem dicken Pieck! Dann kam die Vorspeise. Und ich weiß noch, die hat so gut geschmeckt! Ich habe mir Zeit gelassen – ich bin ein langsamer Kauer. Irgendwann stutzte ich: Verdammt, warum starren mich alle so an? Ich war der einzige, der noch aß, hinter mir standen schon die Bediensteten mit den Schüsseln da. Ich hab schnell mein Besteck hingelegt. Und er hatte zu mir gesagt: »Täve, wenn es dir schmeckt, immer hau rin!« Das vergesse ich nie.

Was wünschen Sie sich für das nächste Jahrzehnt Ihres Lebens?
Mehr Zeit haben. Noch mehr Vorträge halten – überall da, wo ich erwünscht bin. Noch öfter hingehen zu Märschen, Feiern, Versammlungen. Ich würde auch Protestmärsche mitmachen, in der Colbitzer Heide etwa. Oder bei Euch in Berlin bei der Liebknecht-Luxemburg-Demo.

Vielleicht auch bei den Antiatom-Demos oder Stuttgart 21?
Da muss ich aber aufpassen, wo ich mich hinstelle. Sonst kriege ich garantiert eins über die Rübe!

Gespräch: Jirka Grahl


Idol, Ikone, Mythos: Für alle, die in der DDR aufgewachsen sind, ist GUSTAV ADOLF SCHUR eine so herausragende Berühmtheit, wie es für den Bundesbürger Franz Beckenbauer ist. Zweimal gewann der Straßenradsportler, den bis heute alle nur Täve nennen, die legendäre Friedensfahrt (1955 und 1959), zweimal wurde er Weltmeister (1958 und 1959). Zur Legende wurde er bei der WM 1960 auf dem Sachsenring, wo er seinem Teamkollegen Bernhard Eckstein zum Titel verhalf, indem er ihn aus einer Dreiergruppe mit dem Belgier Willy Vandenberghen davonfahren ließ, ohne nachzusetzen – wenn auch die Gründe dafür weniger selbstlos waren als vermutet, wie er im ND-Gespräch verrät. Von 1959 bis 1990 war Schur Abgeordneter der Volkskammer der DDR, von 1998 bis 2002 saß er für die PDS im Deutschen Bundestag. Heute wird Täve 80 Jahre alt, am Sonnabend steigt die große Geburtstagsfeier im Friedensfahrtmuseum Kleinmühlingen (Salzlandkreis).

24.02.2011, 09:29 von webmaster | 363 Aufrufe
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